Die Erforschung der Ur- und Frühgeschichte

Walter Drack:

Der Forschungsstand um 1970

Vor 25 Jahren haben die Zürcher Universitätsprofessoren Emil Vogt, Ernst Meyer und Hans Conrad Peyer in dem von der Brauerei A. Hürlimann AG 1971 herausgegebenen, reich illustrierten und längst vergriffenen Band «Zürich von der Urzeit zum Mittelalter» auch die Geschichte des Uetlibergs in der Urzeit, zur Zeit der Römerherrschaft sowie im Früh- und Hochmittelalter dargestellt.

Urgeschichte

Die Urgeschichte bearbeitete E. Vogt vor allem aufgrund der 1836-1839 und 1866 von Ferdinand Keller auf dem Uto-Kulm und dem Nordteil der Ägerten durchgeführten Sondierungen sowie der von Heinrich Zeller-Werdmüller bei Entdeckung von keltischen Gräbern anlässlich des Baus der Bergstation der Uetlibergbahn 1874 und der von Jakob Heierli bei der Verbreiterung der Fahrstrasse am Hauptwall 1900/01 gemachten Feststellungen, zudem auch anhand der im ausgehenden 19. bzw. beginnenden 20. Jahrhundert gehobenen Einzelfunde.

Die damals bekannten steinzeitlichen Einzelfunde – zwei Steinbeile und eine Hirschhornaxt – sind verständlicherweise nicht erwähnt.

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Die bronzezeitlichen Siedlungsreste des Uetlibergs behandelte Vogt dagegen im Rahmen der bronzezeitlichen Siedlungen «im Gebiet abseits der Seen» an erster Stelle, und zwar Hand in Hand mit jenen vom Ofengüpf über Sellenbüren. Er schreibt (S. 77), mit dem Uetliberg beginnend: «Was wir über diesen beherrschenden Platz wissen, bildet nur einen kleinen Ausschnitt dessen, was man wissen würde, wenn die Funde nicht schon in den dreissiger Jahren des letzten Jahrhunderts gehoben worden wären. … Aus den Berichten glauben wir nur ersehen zu können, dass es auf der obersten Bergkuppe eine richtige Kulturschicht gegeben haben muss, die allerdings schon durch den Bau der mittelalterlichen Burg stark beeinträchtigt wurde. Von den heute – 1970 – noch vorhandenen Funde sind die wenigen Scherben wichtiger als die Bronzen, da sie unbedigt für das Vorhandensein einer in Umfang und Bedeutung allerdings nicht beurteilbaren Siedlung sprechen. Bei der Wahl des Platzes dürfte die Sicherheit eine wichtige Rolle gespielt haben. Nicht umsonst bemerken wir an vielen Orten die auffällige Vergesellschaftung spätbronzezeitlicher Siedlungen mit mittelalterlichen Burgen.

Die einzige Verbindung der beiden besteht aber nur im gleichen Anspruch an die Beschaffenheit des Platzes, also die Lage in weitem Ausblick, steilen Hängen, Raum für eine kleinere Siedlung usw.
Wie um dies zu bestätigen, finden am gleichen Bergzug das gleiche Zusammentreffen noch einmal, nämlich am Westhang des Uetlibergs, wo die Herren von Sellenbüren im Mittelalter auf dem Ofengüpf ihre Burg errichteten, an der Stelle, wo schon 2000 Jahre früher eine Siedlung bestand, deren Reste bei der Ausgrabung der Burg 1950/51 angeschnitten wurden.

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Plan des «Refugiums Uetliberg» um 1900 nach Jakob Heierli, erstellt von J. Stutz-Bell 1902

Die beiden spätbronzezeitlichen Siedlungen waren höchstens kleine Dörfer mit einigen Familien. Unnötig zu sagen, dass wir die Frage nach der unmittelbaren Gleichzeitigkeit nicht beantworten zu können … ».

Aus der Frühphase der Spätbronze- oder Urnenfelderzeit stammende Keramiküberreste wurden im Rahmen der 1983 durchgeführten Untersuchung des Burggrabenareals nördlich des Uto-Kulms gefunden. Sie lagen, allerorten stark zertreten, auf dem Rücken des sogenannten Inneren Walls II unter einer halbmeterstarken Überdeckung. Von den weit zerstreuten Scherbenfunden liess sich glücklicherweise aus einem besonders grossen, fladenartig zerdrückten Haufen der Oberteil eines einst gegen 80 Centimeter hohen und reich mit Rillen und Zickzacklinien dekorierten Zylinderhalsgefässes der sogenannten Hallstatt-Stufe A2 des 11. Jahrhunderts v. Chr. zusammensetzen. Gleich früh ist ein sogenanntes mittelständiges Schaftlappenbeil, das ein Waldarbeiter 1916 «auf dem Wall des Refugiums auf dem Uetliberg» entdeckte.

Funde und Fundumstände bezeugen, dass die Siedlungsfläche, das Uto-Kulm-Plateau, damals bis in jenes Gebiet reichte und demzufolge – vom südöstlichsten Sporn an gemessen – rund 150 Meter lang, also 40 Meter länger als heute, war. Bei derselben Gelegenheit stellte man rund 35 Meter nördlich dieser Fundstelle, da wo die Fahrstrasse teilweise als Hohlweg in einer Kurve um das Burggrabenareal herumzieht, die bergseitige Böschung eines tiefen Grabens fest, von dem hart über dem östlichen Berghang noch Spuren vorhanden sind. Es dürfte sich hierbei um den zur spätbronzezeitlichen Befestigung gehörenden Halsgraben gehandelt haben, dessen Aushub seinerzeit als Baumaterial für die bergseits bzw. südlich davon erstellte Wallmauer verwendet worden sein muss.

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Oberteil eines reich verzierten Zylinderhalstopfs (11. Jh. v. Chr.)

In der dritten Phase der Spätbronze- oder Urnenfelderzeit muss nach Ausweis der Entdeckungen von 1980 auf der 150 Meter langen und teilweise bis 60 Meter breiten Uto-Kulm Hochfläche eine dorfähnliche Siedlung bestanden haben, wie sie schon E. Vogt (1971) vermutete. Die Hausbauten müssen, ähnlich wie bei der von G. Bersu (1945) veröffentlichten gleichzeitigen Höhensiedlung auf dem Wittnauerhorn im aargauischen Fricktal, den Plateaurändern entlang errichtet gewesen sein. Jedenfalls konnten 1980 über dem steilen Nordosthang der Standort eines etwa sechs Meter langen und einst wohl bis vier Meter breiten Hauses 2 sowie nördlich und südlich davon Randpartien ähnlicher Plätze zweier weiterer Häuser gefasst werden. Wohl um genügend Platz für eine hölzerne Bodenkonstruktion zu gewinnen, war der Baugrund etwa einen Schuh tief ausgehoben worden.

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Meissel, Kopf einer Dreiknotennadel, Rasiermessergriff und Collier-Röhrchen, alles bronce (10. Jh. v. Cr.).

Einzelne Pfostenlöcher scheinen von Postenkonstruktionen zu zeugen, kleinere Pfahllöcher aber, in Reihen dicht nebeneinanderliegend, von lehmbestrichenen Rutengeflecht-Innenwänden. Der eingetiefte Baugrund des Hauses 2 sowie auch der teilweise noch erhalten gebliebene des nördlichen Hauses 1 waren je mit einer bis 30 Zentimeter starken, humosen, schwarzen Kulturschicht aufgefüllt. Wo nicht durch spätere bauliche Eingriffe gestört, war sie dicht mit Keramikscherben und Tierknochenresten durchsetzt. Der Grossteil der Keramik gehört in die sogenannte Stufe Hallstatt B1 des 10. Jahrhunderts v. Chr. und umfasst Bruchstücke von grossen Vorratsgefässen, Kochtöpfen, Trinkbechern, aber auch von Schüsseln, Schalen und Tellern. Ein grösserer Teil des Geschirrs war durch Einstiche und Rillen sowie durch Einritzungen und Knochenweiss-Einlagen verziert.

In denselben Siedlungshorizont gehören noch die folgenden Bronzeobjekte: der Kopf einer sogenannten Dreiknopfnadel, der durchbrochene Griff eines Rasiermessers, ein Tüllenmeissel und sechs quergerillte Zierröhrchen von einem Collier, alle aus den Grabungen F.Kellers stammend, wie R. Ulrich (1890) festhielt.

Da ähnliche Ware nach den Berichten Ferdinand Kellers (1839, 1869) nicht nur 1836 auf dem Uto-Kulm, sondern im Spätherbst 1866 auch auf dem nördlichsten Sporn der Ägerten-Terrasse vorgefunden wurde, darf angenommen werden, dass diese Siedlung nicht nur durch die oben erwähnte Wall-Graben-Befestigung, sondern sehr wahrscheinlich noch durch eine zweite, weit vorgeschobene Verteidigungsanlage gesichert war, an deren Stelle später der Hauptwall entstand.

Die damalige Wirtschaftsfauna hat H. Hartmann-Frick aufgrund der Tierknochenfunde von 1980 und 1981 vorgelegt. An Haustieren: Hausrind 47,6%, Ziege und/oder Schaf 18,2%, Hausschwein 33,6%, Hund 0,4% und Pferd 0,2%; an Wildtieren: Wildschwein (3 Knochen), Feldhase und Rothirsch (je 1 Knochen). Das Hausrind dürfte eine Widerristhöhe von gegen 125 Zentimetern gehabt haben, bei den Hausschweinresten lagen Kiefer und Eckzähne von Ebern vor, wohl von Zuchtebern. Die Hunde hatten eine Widerristhöhe von etwa 50 Zentimetern und das Pferd von etwa 125 Zentimetern.

(Teilauszug von: Die Erforschung der Ur- und Frühgeschichte)

Literaturhinweise:

  • W.Drack: Autor
  • Albert Mousson um 1840: Plan der Ausgrabungen von 1836- 1839 auf dem Uto-Kulm
  • Jakob Heierli: Plan des «Refugiums Uetliberg» um 1900, erstellt von J. Stutz-Bell 1902

Wir danken dem Orell Füssli Verlag, Zürich für die Erlaubnis zur Veröffentlichung im Internet. Die Beiträge sind in gekürzter Fassung wiedergegeben.
Für die vollständigen Beiträge verweisen wir auf das Buch «Der Uetliberg », erschienen im Orell Füssli Verlag, Zürich. Copyright © 1984 by Orell Füssli Verlag, Zürich. Alle Rechte vorbehalten.

Bildnachweis:

  • E. Baumann
  • Willy Furter
  • Laszlo Irmes
  • Max Pichler
  • Schweizerisches Landesmuseum
  • Stiftung f. d. Erforschung des Uetlibergs
  • Swissair Photo + Vermessungen AG
  • Sihltal Zürich Uetliberg Bahn SZU