Restaurants

Die Gaststätten auf dem Üetliberg

Autor: René Hantke

Das erste, 1839/40 erbaute und 1878 niedergebrannte Üetliberg-Gasthaus (Lithographie von G. A. Grimminger, Zürich)

Gastwirt Friedrich Beyel liess 1839/1840 vom Zürcher Architekten Johann Jakob Breitinger (1814-1880) auf dem Uetliberggipfel das «Gast- und Kurhaus Üetliberg» errichten. «Im September 1839 begann der Bau des geräumigen und geschmackvollen, fast ganz aus Holz aufgeführten Gebäudes, dessen Styl der Localität und der Bestimmung höchst angemessen ist, im Allgemeinen aber den Charakter der Berneroberländerhäuser an sich trägt», berichtete ein Augenzeuge. Vor der Erstellung des Neubaus hatte Beyels Vetter Bluntschli im Häuschen der bis 1812 bestehenden Hochwacht eine beliebte Gastwirtschaft geführt, deren bescheidener Betrieb dem Andrang bei schönem Wetter oft nicht genügen konnte. Die Breitingersche Holzkonstruktion war nun ein durch und durch programmatischer Bau jener 1830er Jahre, in denen der Schanzenring der Stadt Zürich geschleift wurde.

«Hinaus aus der alten Stadt», war die Devise,..«ins Grüne, in die Weite, in die Höhe!» Der Uetliberggipfel als nächstgelegener höchster Punkt musste neu besetzt werden. Beyels Gast- und Kurhaus war ein strategischer Ort ersten Ranges in der Entwicklung des schweizerischen Tourismus. Die über Zürich nach den Alpen reisenden Fremden erhielten hier erstmals eine Panoramasicht ihrer Zielregion, bei der Heimreise konnten sie noch einmal zurückblicken, und den Einheimischen wurde mit der Chaletarchitektur demonstriert, dass mit Bauformen, die Assoziationen auslösen, in idealer Weise für den Tourismus geworben werden kann.

Es war dabei gleichgültig, ob ein Chalet den Fremden allgemein an die Schweiz, an die schweizerische, die bayrische oder die österreichische Alpenregion erinnerte, an bündnerische Gegenden oder ans Berner Oberland.

Das neue Etablissement, geschätzt wegen seiner Aussichtslage, empfahl sich auch für Luft- und Molkenkuren. Die Rendite war wegen der Wetterabhängigkeit und den Wegverhältnissen schwankend. Beyel verbesserte zwar die Wege und unterhielt sie selbst. Aber die 1872 gegründete Aktiengesellschaft für den Bau der Uetlibergbahn liess sofort einen neuen, bequemeren Weg vom Albisgüetli her anlegen. Beyel starb 1866. Von seinen Erben erwarben die Hoteliers Theodor Baur und Caspar Fürst 1873 das Gasthaus. Gleichzeitig mit dem Bahnbau liess Caspar Fürst vom Architekten Emil Schmid-Kerez (1843-1915) das Gasthaus erweitern und nördlich davon, in der «Ägerten», den Grossbau des «Hotels Uetliberg» errichten.

Nach Schmids Projekt sollte zusätzlich noch ein weiteres Kurhaus entstehen, doch kam es nicht zur Ausführung. Der vergrösserte Berggasthof, das Hotel und die Bahn wurden 1875 eröffnet. Fürst hatte sich aber finanziell übernommen – schon die von ihm erbaute Bahn auf den Kahlenberg bei Wien war kein geschäftlicher Erfolg gewesen – und bewog nun seinen Schwiegersohn als Pächter des Kulm Gasthofs zur Brandstiftung. Am 4. November 1878 brannte der Breitinger-Schmidsche Bau vollständig ab. Aber schon im Sommer 1879 erbauten die Architekten Adolf (1837-1909) und Fritz Brunner (1839-1886) für die Hypothekarbank in Basel als neue Besitzerin ein Restaurant «in veränderter Gestalt … auf den Fundamenten des abgebrannten Gebäudes». «Weil das Gebäude hauptsächlich als Sommerlokal benutzt wird, so war die Hauptaufgabe, möglichst viel Sitzplätze im Freien, d.h. unter gedeckten Terrassen nach der schönen Aussicht zu erhalten. Es wurden daher nebst den schon beim alten Gebäude bestehenden Terrassen gegen Süden noch solche gegen Osten, mit Aussicht auf die Stadt Zürich, angebracht.»

Nach zweimaligem Besitzerwechsel erwarb 1897 die Uetlibergbahn-Gesellschaft alle Kulm-Liegenschaften. Der Gasthof erlebte nun einige Umgestaltungen: 1897 bis 1900 eine Renovation, wahrscheinlich unter Leitung von Hermann August Stadler und Emil Naef-Hatt; 1911 erfolgten Um- und Erweiterungsbauten durch den Architekten Heinrich Ziegler (1852-1921).

Nachdem die alte Uetlibergbahn-Gesellschaft eingegangen war, übernahmen 1924 Hans und Frieda Käser und um 1935 die Grossmetzgerei Gebrüder Niedermann, Zürich, den Gasthof Kulm und liessen 1938/ 1939 noch einmal einen Umbau durchführen. 1973 erwarb die Firma Karl Steiner, Zürich, die Liegenschaft.

Neben dem Gasthof hatte 1894 der damalige Besitzer, Dr. Emil Wuhrmann, den eisernen Aussichtsturm von der Eisenbaufirma Bosshard & Co. in Näfels nach Plänen von Ingenieur Wenzel in Freiburg i. Br. erstellen lassen. Die Bauarbeiten leiteten die Ingenieure Rudolf Wartmann und Karl Löhle. Der Turm erinnerte an die Pariser Weltausstellung von 1889, indem er deren Wahrzeichen imitierte. In der «Neuen Zürcher Zeitung» vom 20. Juli 1894 stand zu lesen: «Die flotte Eisenkonstruktion präsentiert sich dem Auge gar nicht unangenehm, man erkennt die vereinfachten Formen des Eiffelturmes.

Der Eiffelturrn war ein Symbol grossstädtischer Weltoffenheit. Seine einprägsame Form wurde zum Gütezeichen technischen Fortschritts. Ein Jahr bevor dieses Zeichen auf dem Uetliberg gesetzt wurde, brachte man es auf dem Bachtelgipfel im Zürcher Oberland an. 1896 prägte es die Schweizerische Landesausstellung in Genf. In einer Zeit zunehmender Verstädterung und Industrialisierung bewahrte die Chaletbauweise in ihren mannigfaltigen Variationen das Bild einer ländlich-friedlichen Schweiz, und zwar nicht nur bei den Touristen, sondern auch bei den Einheimischen. Sowohl bei der Gasthauserweiterung von 1874 wie beim Neubau von 1879 waren deshalb die Formensprache und Konstruktionsweise des ursprünglichen Baus vor 1839 weitergeführt worden. Dieses Vorgehen diente dem fast surreal zu nennenden Erlebnis der Bergfahrt mit der sensationellen Bahn, welche die Gäste in kurzer Zeit in eine völlig andere Atmosphäre hoch über der stets wachsenden Stadt brachte. Die Stimmung der «Waldeinsamkeit» auf dem Berggipfel erfuhr eine geschickte Ergänzung durch die Holzarchitektur. Am Bau des Uetliberg-Gasthauses waren stets führende Architekten ihrer Generation beteiligt. Breitingers Werk von 1839 war sofort in der von Carl Ferdinand von Ehrenberg herausgegebenen «Zeitschrift für das gesamte Bauwesen» publiziert worden, wo schon kurz zuvor Schinkels «Schweizerhäuschen» in Berlin vorgestellt worden war. Auch die Bauten von 1874 und 1879 wurden vielfach abgebildet. Ihre Erbauer, Emil Schmid-Kerez und die Brüder Adolf und Fritz Brunner, waren Schüler von Gottfried Semper am Polytechnikum in Zürich gewesen.

Der im heutigen Komplex enthaltene Bau der Brüder Brunner von 1879 verbindet die Holzarchitektur mit Elementen der klassischen Überlieferung: Akroterien, Serliana, kleine Säulen. Das verwendete altrömische Brüstungsmotiv tritt z. B. auch an Sempers Stadthaus in Winterthur auf. Diese Verbindung ist nicht ungewöhnlich. Schon bei der Pariser Weltausstellung von 1868 waren am Schweizer Pavillon «Motive des Schweizer Bauernhauses mit einer griechischen Säulenordnung verbunden worden. Man fand diese Idee äusserst glücklich, denn es wurden damit nicht nur demokratische Traditionen angedeutet, sondern man erinnerte auch daran, dass die dorische Ordnung einst ja auch ein Holzgebälk getragen hatte» (Othmar Birkner). Die Brüder Brunner, die in jenen Jahren in Paris prägende Eindrücke erhalten hatten, erstellten dann mit dem Uetliberg-Gasthaus einen Bau von weltmännischen Allüren. Die Schweizer Holzarchitektur wurde international anerkannt, die klassische Verbrämung konnte auf einem Berggipfel sogar noch Erinnerungen an die Akropolis und den Olymp hervorrufen.

Zum Holz gesellte sich der Backstein. An den geschlossenen Teilen des Gebäudes wurde das Holzskelett mit gelben Sichtbacksteinen ausgefacht. Damit wurde auch die einheimische Fachwerk- bzw. Riegelbau-Tradition mit neuen Mitteln wiederbelebt. Der gerüsthafte Charakter dieser Konstruktion wurde vom Aussichtsturm noch unterstrichen. Die beiden Bauten verbanden sich zu einer zeittypischen Gruppe.

In der Folge wurde der eingeschossige Saaltrakt des Gasthofs zweimal aufgestockt. Die offenen Terrassen des zweigeschossigen Trakts wurden (wohl witterungsbedingt) mit Backsteinen geschlossen und verschiedener Zierelemente beraubt. Die stärkste Veränderung des ursprünglichen Bildes brachte der Anbau von 1911, bestehend aus zwei zweigeschossigen Trakten mit steilen Krüppelwalmdächern in kreuzförmiger Durchdringung. An diesem Teil wurde bewusst mit den damals üblichen Formen des Heimatstils demonstriert, was schon der Brunnersche Bau enthielt, nämlich die starke Tendenz zur malerischen Aufgliederung, zum «organischen» Weiterwachsen, und tatsächlich ist der Gasthof ja auch mehrmals durch An-, Auf-und Umbauten erweitert und ergänzt worden.

Das vergrösserte Berggasthaus und das Hotel, mit welchen seit 1875 der Uetliberg kommerziell genutzt wurden, blieben nicht die einzigen Unternehmungen des initiativen Hoteliers Caspar Fürst, sondern waren nur Teile eines ganzen Erschliessungsprogramms.

Die «Annaburg» von 1876 wurde 1897 zur Gaststätte

Längs der Gratstrasse sollte eine «Perlenkette» von Chalets, «ein Quartier von Sommerhäuschen für wohlhabende Städter» entstehen. 1875 wurde das Haus Gratstrasse 3 erbaut und «Abendrot» genannt (später erhielt es den Namen «Rechli»), 1876 folgten die Häuser Gratstrasse 1 und 3 («Bellavista», später «Hohenegg», und «Annaburg»). Das Doppelchalet 4/5 (heute 7) wurde 1877/1878 gebaut; daneben entstand 1878 die «Pension Uto-Staffel» (6), ebenfalls in Form eines Chalets. Für die Uetlibergkurgäste und die Wanderer aus der Stadt wurde nun die hoch über Zürich gelegene Erholungszone durch eine Reihe von romantischen Einrichtungen bereichert. Beim «Kindlistein», einem «malerischen Wald- und Felsrevier» mit Nagelfluhblöcken, entstand ein Hirschpark, und die Felsen wurden durch hölzerne Steg- und Brückenkonstruktionen erschlossen. «Es lässt sich nicht leugnen, dass das Ganze einen alpinen Eindruck macht», berichtete 1906 die «Zürcher Wochen-Chronik».

Die gleichen Empfindungen löste auch der «Leiterliweg» über eine Steilpartie zwischen Staffel und Kulm aus. Beide Anlagen wurden später vom (1873 gegründeten) Verschönerungsverein Zürich übernommen, der von 1883 an seine Aufmerksamkeit auch dem Uetliberg schenkte und dieses vorzügliche städtische Wandergebiet weiter erschloss. Ein ausgedehntes Wegnetz mit Wegweisern, Bänken, Brunnen, Aussichtspunkten, Denksteinen, Spielplätzen (so der 1893-1895 erstellte Spielplatz «Hohenstein» mit Schutzhütte) entstand. 1876 errichtete die Sektion Uto des SAC den Alpenzeiger auf dem Kulm. 1907 wurde bei Uto-Staffel ein Hirsch- und Bärengehege eröffnet.

Ein Gegenstück zur Chaletkette war die kurz vor 1900 erstellte Kolonie der «Schwesternhäuser» unterhalb des Hotels Uetliberg, «kleine Berghäuschen» der Evangelischen Gesellschaft, wo die Diakonissinnen Ruhe und Erholung fanden. Ferner bestanden laut einer Umfrage von 1915 damals 19 sogenannte «Clubhütten», welche zwar nur bescheidene Verpflegungsmöglichkeiten boten (zwei besassen das Wirtschaftspatent), aber an besonders malerischen Stellen errichtet worden waren. Nach den Gaststätten auf dem Kulm und dem Staffel folgte 1897 die «Annaburg» als Ort der Einkehr und Aussicht. Aus dem bereits erwähnten, 1876 erbauten Chalet war durch Anbau eines Wirtschaftstrakts mit Terrasse und Veranda 1896/1897 ein Etablissement geworden, das sich mit einem schönen Jugendstilplakat als «Hotel und Pension» empfahl. 1902 bis 1904 gehörte die «Annaburg» der Bank Leu, nachher bis in die zwanziger Jahre Engelbert Streicher und seit 1963 der Stadt Zürich. 1979 verfiel das Haus beinahe dem Abbruch. Heute scheint sein Bestand gesichert. Immerhin wird die weitere Entwicklung in den Fällen Annaburg und Kulm zeigen müssen, ob die romantische Holzbauweise auf dem Uetliberg noch eine Zukunft im Sinn des 19. Jahrhunderts oder im Sinn der verschiedenen Phasen des Heimatstils der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts haben wird. Das Grand-Hotel auf der Ägerten, welches die Intimität des Breitingerschen Urbaus von 1839 auf eine Palaststruktur applizierte, überlebte nicht. 1927 wurde die Liegenschaft von der Stadt Zürich übernommen und in der Folge eine Freiluftschule darin eingerichtet. Als Baufälligkeit festgestellt worden war, erfolgte 1943 der Abbruch. Mit den anfallenden 800 bis 900 Ster Brennholz wurden im darauffolgenden Kriegswinter städtische Schulhäuser geheizt. Bestand in diesem Fall nur Gegenwart in Form von Heizwärme und keine Zukunft, glaubt man heute doch für zwei weitere Gebäude bessere Chancen zu sehen. Sowohl die Innenausstattung des 1929/ 1930 von Otto Honegger (1876-1934) erstellten Berghauses Baldern als die im Hinblick auf die Besucherströme der Landesausstellung 1939 geschaffene Innengestaltung des Kulm-Gasthauses von Max G. Sütterlin (1897-1976) werden als typische Beispiele des damaligen Heimatstils erneut geschätzt – ganz im Sinn der seit 1839 befolgten Devise «Romantisches Bergerlebnis auf dem Uetliberg»

Literaturhinweise:

  • Hanspeter Rebsamen: Autor
  • (Lithographie von G. A. Grimminger, Zürich): Das erste, 1839/40 erbaute und 1878 niedergebrannte Uetliberg-Gasthaus
  • R. Dickenmann (1860): Das einsame Gasthaus über dem wachsenden Häusermeer (Aquatinta)

Wir danken dem Orell Füssli Verlag, Zürich für die Erlaubnis zur Veröffentlichung im Internet. Die Beiträge sind in gekürzter Fassung wiedergegeben. Für die vollständigen Beiträge verweisen wir auf das Buch «Der Uetliberg », erschienen im Orell Füssli Verlag, Zürich. Copyright © 1984 by Orell Füssli Verlag, Zürich. Alle Rechte vorbehalten.

Bildnachweis:

  • E.Baumann
  • Willy Furter
  • Laszlo Irmes
  • Max Pichler
  • Schweizerisches Landesmuseum
  • Stiftung f. d. Erforschung des Uetlibergs
  • Swissair Photo + Vermessungen AG
  • Sihltal Zürich Uetliberg Bahn SZU

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